Die Website der afrikanische katholische Gemeinden in Nordrhein-Westfalen.

Eine neue Heimat für Katholiken aus Afrika

Die Seelsorge an afrikanischen Katholiken in Deutschland

Die deutschen Bischöfe haben in ihren Leitlinien aus dem Jahr 2003 die Notwendigkeit für eine Seelsorge an Katholiken anderer Muttersprache in Deutschland beschrieben und bekräftigt:

„In einer Zeit, in der man wie selbstverständlich spricht von der Globalisierung der Wirtschafts- und der Finanzmärkte, der Tourismus- und Kommunikationsmärkte; in einer Zeit, in der die Wirtschaft unseres Landes angewiesen ist auf offene Grenzen für den Export, ist es eine Illusion zu meinen, die Grenzen könnten für Menschen hermetisch dicht gehalten werden. Wenn es wahr ist, ‚der Mensch ist der Weg der Kirche’ (Redemptor Hominis Nr. 14), dann ist und bleibt die Ausländerseelsorge eine Herausforderung der Kirche(…) In der europäischen Union herrscht Freizügigkeit; die Mobilität über bisherige Grenzen hinweg gehört zur Wirklichkeit unserer immer mehr zusammenwachsenden Welt(…) Die fremdsprachigen Gemeinden sind Teil der Ortskirche mit einem eigenen Auftrag. Als lebendige und aktive Gemeinden stellen sie einen hohen Wert und einen festen Bestandteil innerhalb der Ortskirche dar. Die deutsch- und fremdsprachigen Gemeinden sind Glieder der einen vielsprachigen und kulturell vielfältigen Kirche. Gerade darin drückt sich deren Universalität und Katholizität aus.“

Diese Erklärung ist noch keine zehn Jahre alt, doch inzwischen werden die Verantwortlichen für die Seelsorge an Katholiken anderer Muttersprache in den Gemeinden und in den Diözesen häufig angefragt, ob dieser Ansatz überhaupt noch notwendig und zeitgemäß sei. Die große Zeit der Einwanderer sei doch längst vorbei; Statistiken belegen, dass Deutschland heute eher ein Auswanderungs- als ein Einwanderungsland sei. Schließlich seien sie doch alle integriert, und wenn nicht, dann sollten sie es doch endlich werden.

Diesem Problem ist Joana Reppenhorst in einer Untersuchung zur Migrationspastoral mit der Frage nach dem Verhältnis von Integration und Segregation nachgegangen. In ihrer Arbeit stellt sie auf der Grundlage des Migrationsberichts des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge von 2008 fest, dass zu der Zeit in Deutschland rund 15,4 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund lebten. „Ungefähr die Hälfte der Zugewanderten sind Muslime, die andere Hälfte gehört einer christlichen Konfession an, wobei etwa zwei Drittel katholisch sind. Acht Prozent der Katholischen Gläubigen in Deutschland besitzen einen Migrationshintergrund, dies ist eine nicht zu unterschätzende Anzahl.“

Sie kommt in ihrer Arbeit zu dem Ergebnis: „Katholische Gemeinden anderer Muttersprache vermitteln den Zugewanderten das Gefühl des Angenommenseins und leisten so einen wichtigen Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen und kirchlichen Integration.“ Sie seien eine gute Stütze für die Integration, allerdings mit einem Verständnis des Miteinanders und nicht des Neben- oder Gegeneinanders. „Sie müssen mit Verständnis und Respekt den anderen Kulturen begegnen und diese als Bereicherung für das eigene Leben begreifen lernen. Das Herbeiführen eines Perspektivwechsels durch interkulturelles Lernen in der Pastoral birgt eine große Chance.“

Die Geschichte der Migrationspastoral ist inzwischen schon einhundert Jahre alt. Am 15. August 1912 hat Papst Pius X. das Motuproprio „Cum omnes“ erlassen, in dem er die Errichtung eines Amtes für die Auswandererseelsorge anordnet. Pius gilt damit als erster Organisator der Auswandererseelsorge. Weitere historische Dokumente sind in diesem Zusammenhang die Apostolische Konstitution „Exsul Familia“ (1952), die Instruktion der Bischofskongregation über die Seelsorge unter den Wandernden (1969), das Motuproprio „Pastoralis migratorum cura“ (1969), das Motuproprio „Apostolicae Caritatis“ (1970) und schließlich die schon erwähnten Leitlinien der deutschen Bischöfe von 2003, um hier nur einige Dokumente der Migrationspastoral und ihrer Wirkungsgeschichte zu erwähnen.

Sieht man sich die heutige Situation der Migranten und Flüchtlinge und deren Zahlen in den deutschen Diözesen an, so darf man zu dem Schluss kommen, dass dieser großen Gruppe von Katholiken in Deutschland (rund 8%) eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Sicher ist gegenwärtig davon auszugehen, dass die großen Ströme der Gastarbeiter aus den Ländern Südeuropas in den fünfziger bis siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts weitgehend integriert sind. Vor allem die dritte oder gar vierte Generation fühlt sich in Deutschland zu Hause und ist meist gut in die deutschen Gemeinden integriert. Allerdings darf man auch hier nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die jungen Generationen zunehmend keine Beheimatung in der Kirche mehr erfahren. Die Gemeinden anderer Muttersprache haben aber dennoch nach wie vor ihre Existenzberechtigungung. Im Rahmen der Globalisierung und der damit einhergehenden Zunahme der Interkulturalität in den Gesellschaften bleibt die Rückbesinnung auf die ethnischen, kulturellen und religiösen Wurzeln und deren Pflege ein wichtiger Wert.

Anders sieht dagegen die Situation bei den Flüchtlingen und Migranten neuerer Zeiten aus. Hier sind in den letzten Jahrzehnten vor allem die Migranten aus den afrikanischen Ländern zu nennen sowie aus dem asiatischen Raum, aus Lateinamerika und aus Osteuropa. Sie emigrieren aus ihren Heimatländern nach Westeuropa aus wirtschaftlichen und/oder politischen Gründen. Die Tendenz der Zuwanderer aus diesen Regionen ist zur Zeit eher ansteigend. Für diese Gruppen gilt heute Ähnliches wie vor 50 Jahren für die Südeuropäer: Sie müssen sich fern der Heimat mit einer fremden Kultur und ihren Werten auseinandersetzen und unter Wahrung ihrer kulturellen, ethnischen und religiösen Gewohnheiten weitgehend in diese Gesellschaft integrieren.

Die Seelsorge an Katholiken aus den Ländern Afrikas und einer damit einhergehenden Bildung von Gemeinden gilt in diesem Kontext als eine der jüngeren Entwicklungen. Strukturen liegen in vielen Diözesen Deutschlands noch nicht vor und müssen neu entwickelt werden. Hier bieten die Erfahrungen und auch die Fehler, die bei der Seelsorge an Katholiken anderer Muttersprache in der Vergangenheit gemacht wurden, die Chance, dieses Feld der Seelsorge besser in die bestehenden kirchlichen Strukturen einzubinden und schon von Beginn an den Tendenzen einer Segregation entgegenzutreten. An einigen Orten in Deutschland (wie zum Beispiel in der Diözese Münster) wird der Seelsorger für die Katholiken aus Afrika mit einer halben Stelle in die seelsorgliche Arbeit einer deutschen Gemeinde eingebunden. Hier ist von Beginn an darauf geachtet worden, dass es zu einem dialogischen Austausch- und Lernprozess kommt.

Zur Zeit steckt die Seelsorge für Katholiken aus Afrika noch sehr in den Anfängen und in einer Phase der Aufbaus. So gab es bis vor zwei Jahren keine Strukturen über die Diözesan- und Landesgrenzen hinaus. Inzwischen gibt es zumindest in den nordrhein-westfälischen (Erz-)Diözesen erste Ansätze einer Vernetzung der afrikanischen Gemeinden. Die Vertreter dieser Gemeinden treffen sich regelmäßig zu Austausch- und Beratungstreffen, haben einen gemeinsamen Sprecher gewählt und planen Veranstaltung zur Stärkung des eigenen Bewusstseins und zur Sensibilisierung für die Anliegen der in Deutschland lebenden Afrikaner in der Öffentlichkeit. So ist als ein Beispiel in diesem Zusammenhang für den 8. Juli 2012 ein erster Katholikentag für Afrikaner in Nordrhein-Westfalen unter dem Leitwort „Viele Völker – ein Glaube“ geplant.

Der Aufbau von Strukturen und Organisationsformen für die Seelsorge an Katholiken aus Afrika steht zur Zeit vor einer ganzen Reihe an Herausforderungen: Sprechen wir bei den Gemeinden anderer Muttersprache in der Regel von einzelnen Ursprungs- oder Herkunftsländern – eine Ausnahme bilden momentan nur die spanischsprachigen Gemeinden, die eine große Zunahme von Lateinamerikanern unterschiedlicher Nationalitäten zu verzeichnen haben –, so haben wir bei den afrikanischen Gemeinden einen ganzen Kontinent als Herkunftsregion vor Augen. Für verschiedene Nationalitäten und unterschiedlichste Ethnien und Sprachen müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden, um zusammenkommen zu können, wenn wir Angebote für Afrikaner in den Gemeinden machen. Dieser Tatsache ist beim Aufbau von Strukturen in der Seelsorge, beim Aufbau neuer Gemeinden und bei Entscheidungen in den Bistümern mit aller Sensibilität zu begegnen. Die überregionalen oder diözesanen Verantwortlichen müssen in der Lage sein, die Mehrsprachigkeit des afrikanischen Kontinents zu berücksichtigen. Zumindest die Unterschiede der frankophonen und anglophonen Sprachgruppen müssen bei den Angeboten und Selbstorganisationsformen deutlich wahrgenommen werden.

Eine Reihe von wichtigen Aufgaben kommt auf den Prozess der Entwicklung einer Seelsorge für Katholiken aus Afrika in den nächsten Jahren zu. Das Angebot wird zu einem großen Teil aus sozialpastoralen Aufgaben bestehen: Hilfestellungen bei Behördengängen, Begleitung bei Integrationsprozessen, Auseinandersetzung mit Bleiberechtsregelungen und die Absicherung der sozialen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Vor allem die Sorge um die Kinder und Heranwachsenden hat eine große Bedeutung, um ihnen eine echte Partizipation am deutschen Bildungssystem zu ermöglichen. Hier bedarf es neuer Konzepte für die Arbeit mit Kindern und Eltern. Und schließlich gilt es ein eindeutiges Profil der katechetischen und liturgischen Angebote gegenüber den Angeboten der evangelikalen Gruppierungen zu entwickeln.

Für diese Vielfalt an Herausforderungen ist die Verbesserung der Vernetzungs- und Kooperationsarbeit der afrikanischen Gemeinden unter- und miteinander eine der wichtigsten Voraussetzung. Um diesen Auftrag innerhalb der Kirche und der Gesellschaft abzusichern, ist die Einrichtung des Amtes von diözesanen Verantwortlichen unumgänglich. Darüber hinaus bedarf es für die großen Herausforderungen der Seelsorge an Afrikanern in Deutschland das übergeordnete Amt eines Sprechers oder Leiters, der unter anderem die Aufgabe hat, alle Aktivitäten, Initiativen und Aufgaben der diözesanen Verantwortlichen zu organisieren und koordinieren.

Franz-Thomas Sonka
Leiter des Referates Seelsorge für Katholiken anderer Muttersprache
im Bischöflichen Generalvikariat Münster

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